Stiftung Hamburger Kunstsammlungen und Kunsthalle schließen Provenienzforschungsprojekt ab

Presseinformation

Nachkommen des Sammlers Georg Tillmann sehen von berechtigter Rückgabe der Kaminfiguren des Künstlers G. H. Wolff ab – die zwei Skulpturen bleiben auf Wunsch der Familie in der Kunsthalle

Stiftung Hamburger Kunstsammlungen und Hamburger Kunsthalle schließen ein durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste unterstütztes Provenienzforschungsprojekt ab:

Die zwei großen Skulpturen aus Kalkstein im Foyer des Hubertus-Wald-Forums bleiben der Sammlung der Hamburger Kunsthalle, nach einem Verzicht auf deren berechtigte Rückgabe, erhalten. Die Herkunftsgeschichte der beiden Kaminfiguren (1925) konnte von 2021 bis 2024 im Rahmen eines gemeinsamen Provenienzforschungsprojekts der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen und der Hamburger Kunsthalle, unterstützt durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, erforscht werden. Die Skulpturen stammen aus dem Eigentum des Hamburgers Georg Tillmann (Hamburg 1. Februar 1882 – New York 1. November 1941). Der erfolgreiche Bankier, Sammler sowie Kunst- und Musikmäzen hatte sie bei dem Künstler Gustav Heinrich Wolff (Zittau 1886 – Berlin 1934) 1925 in Auftrag gegeben. Wie die Forschungsarbeit unter der Leitung von Dr. Ute Haug (Leitung Provenienzforschung & Sammlungsgeschichte Hamburger Kunsthalle) ergab, haben die Skulpturen unter Unrechtsumständen den Besitz Tillmanns verlassen und sind in die Hamburger Kunsthalle gelangt. Die Familie Tillman* sieht jedoch von einem berechtigten Rückgabeverfahren der unrechtmäßig enteigneten Kunstwerke ab und wünscht sich einen Verbleib in der Hamburger Kunsthalle. In Gedenken an Georg Tillmann wird zukünftig eine Gedenktafel neben den über zwei Meter großen Kaminfiguren im Hubertus-Wald-Forum der Hamburger Kunsthalle auf die Herkunftsgeschichte verweisen.

Am Donnerstag, dem 3. April 2025, fand im Rahmen eines kleinen Festakts für geladene Gäste die Enthüllung der Gedenktafeln mit Hugo Tillman* (Urenkel von Georg Tillmann), Prof. Dr. Alexander Klar (Direktor Hamburger Kunsthalle), Arndt Klippgen (Stiftung Hamburger Kunstsammlungen), Dr. Nadine Bauer (Wissenschaftliche Projektmitarbeiterin) und Dr. Uwe Hartmann, (Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Leitung Fachbereich Kulturgutverluste im 20. Jahrhundert in Europa) statt.

Georg Tillmann verließ Hamburg 1932 gemeinsam mit seiner Ehefrau Dorothy Tillmann (geb. Wolf, New York 21. März 1891 - New York 17. September 1944) auf Grund der für jüdische Bürger*innen zunehmend schwierigen politischen Lage und emigrierte nach Amsterdam. Sein Vermögen, Haus und Grundstück in Hamburg, Schöne Aussicht 29, wurden vor 1940 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. 1940 emigrierte Tillmann in die USA. Während sich das Ehepaar Tillmann bereits in der Emigration befand, übernahm Alice Sauerlandt (Hamburg 1880 – Hamburg 1972) zwischen Sommer 1934 und Mai 1936 die beiden Skulpturen ohne Tillmanns Wissen und Erlaubnis aus dessen Haus. Alice Sauerlandt war die Ehefrau von Max Sauerlandt (Berlin 1880 – Hamburg 1934), Kunsthistoriker und ab 1919 Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Georg Tillmann, der erst im Nachhinein hiervon erfuhr, habe ihr angeblich die Skulpturen zur Verfügung gestellt. Zudem hätte er verfügt, dass im Fall des Verkaufs der beiden Skulpturen durch Alice Sauerlandt, der Erlös an die Witwe des Bildhauers Wolff ausgehändigt werden sollte. 1958 verkaufte Alice Sauerlandt die Skulpturen, die sich schon seit 1936 als Leihgabe von ihr in der Hamburger Kunsthalle befanden, über die Hamburger Galerie Rudolf Hoffmann an die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen (heute Stiftung Hamburger Kunstsammlungen), ohne jedoch Frau Wolff den Erlös zukommen zu lassen. Seither befinden sich die Skulpturen als Dauerleihgabe der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen in der Hamburger Kunsthalle. 

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 Unsere Familie ist durch den Zweiten Weltkrieg schwer traumatisiert worden und hat viele materielle Dinge verloren; am größten war jedoch der Verlust von Kultur und Identität. Für unsere Familie ist es besonders wichtig, mit den Museen zusammenzuarbeiten, um das bestätigt zu sehen, was unser Urgroßvater Georg Tillmann und wir, als seine Nachkommen, bereits wussten: Georg Tillmann hat seine Kunst durch die Umstände des Zweiten Weltkriegs unfreiwillig verloren. Wir sind dankbar für die Recherchearbeit der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen, der Hamburger Kunsthalle und der German Lost Art Foundation und ihre Bestätigung, dass die Skulpturen rechtswidrig genommen wurden. Was diesen Fall betrifft, sind wir überzeugt, dass unser Urgroßvater gewollt hätte, die Skulpturen in Hamburg weiterhin öffentlich auszustellen, damit Besucher*innen auch etwas über die Geschichte der Beutekunst erfahren können. Wir haben uns daher entschieden, die Skulpturen in Hamburg zu belassen.

 

Hugo Tillman, Urenkel von Georg Tillmann

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Die Provenienzforschung hat nicht nur eine lange Geschichte an der Hamburger Kunsthalle – seit 2000 wird sie hier betrieben, seit 2005 mit der ersten unbefristeten Stelle in Deutschland. Sie ist auch eine unmittelbare Form der Sammlungsbeforschung, dazu eine, die oft zu persönlichen Kontakten mit den nachfolgenden Generationen jener Vorbesitzer*innen führt, deren Kunstwerke unrechtmäßig entzogen wurden. Es war für uns fraglos, dass wir die beiden Skulpturen den Nachkommen Georg Tillmanns über 90 Jahre nach dessen erzwungener Ausreise aus Deutschland zurückgeben. Die Restitution führte zu der Entscheidung der Familie Tillman, die beiden Skulpturen der Kunsthalle im Andenken zu übereignen. Wir sind dafür sehr dankbar und zugleich der Pflege der Erinnerung an Georg Tillmann als Mäzen wie als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung verpflichtet.

Prof. Dr. Alexander Klar, Direktor Hamburger Kunsthalle

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Das Kuratorium und die Geschäftsführung haben entschieden, dass sich unsere Stiftung nach den Washingtoner Prinzipien verhält, auch wenn diese für eine Stiftung privaten Rechts nur Orientierung sein können. Gemeinsam mit der Hamburger Kunsthalle haben wir das Forschungsprojekt aufgesetzt, welches von dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert wurde – unserer Kenntnis nach ist es die erste Förderung unter Beteiligung einer privaten Institution. Dafür sind wir dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste sehr dankbar. Ebenso sind wir Dr. Ute Haug und Dr. Nadine Bauer für ihre verantwortungsvolle und sorgfältige Untersuchung sehr dankbar. Das herausragende Ergebnis ist die Feststellung und Aufarbeitung des Entzuges der von Gustav Heinrich Wolff geschaffenen Kaminfiguren aus dem Besitz von Georg Tillmann. Die Haltung der heute in Großbritannien und Neuseeland lebenden Familie Tillman, vertreten durch Herrn Hugo Tillman, auf eine berechtigte Rückführung zu verzichten, die Skulpturen an ihrem Standort zu belassen und deren Schicksal sowie jenes von Georg Tillmann durch eine Gedenktafel zu würdigen, berührt uns sehr.

Arndt Klippgen, Stiftung Hamburger Kunstsammlungen

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Mit der Gedenktafel für Georg Tillmann gelingt eine wichtige Kontextualisierung der beiden Skulpturen, die seit ihrer Entstehung eng mit Hamburg verbunden sind. Durch die Beleuchtung ihrer Geschichte werden nicht nur sie selbst, sondern auch der sie begleitende Unrechtskontext präsent. Solch eine transparente Aufarbeitung von Forschungsergebnissen ist ein essenzieller Bestandteil von Provenienzforschung – um bestenfalls zahlreiche Besucher*innen der Hamburger Kunsthalle zu erreichen – in Erinnerung an Georg Tillmann.

Dr. Ute Haug, Leitung Provenienzforschung & Sammlungsgeschichte an der Hamburger Kunsthalle / Dr. Nadine Bauer, Wissenschaftliche Projektmitarbeiterin

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Zu den wichtigsten Aufgaben des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste gehört die Unterstützung gerechter und fairer Lösungen im Einvernehmen mit den Nachkommen. Bei solchen Lösungen geht es keineswegs nur um finanzielle Fragen, sondern auch um Anerkennung und Würdigung. In diesem Sinne erscheint uns die in Hamburg gefundene Lösung vorbildlich und wir freuen uns, dass das von unserer Stiftung unterstützte Forschungsprojekt zu einem guten Abschluss gekommen ist.

Prof. Dr. Gilbert Lupfer, Vorstand des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste

Die Klärung der Herkunftsgeschichte der beiden Skulpturen erfolgte im Rahmen eines größeren Forschungsprojektes, bei dem die Werkprovenienzen der Kunstwerke mit ungeklärter bzw. bedenklicher Herkunft aus dem Eigentum der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen erforscht werden. Seit 1956 unterstützt die Stiftung Hamburger Kunstsammlungen durch Ankäufe von Kunstwerken die Sammlung der Hamburger Kunsthalle, indem die von ihr erworbenen Werke in den Bestand der Hamburger Kunsthalle als Dauerleihgaben der Stiftung aufgenommen werden. Bei dem gemeinsam mit der Hamburger Kunsthalle durchgeführten Provenienzforschungsprojekt stellt sich die Stiftung Hamburger Kunstsammlungen der Verantwortung hinsichtlich der Geschichte und der Herkunft der in ihrem Eigentum befindlichen Werke, sowie der Geschichte der ehemaligen Eigentümer*innen und Besitzer*innen. Das Projekt stand unter der Leitung von Dr. Ute Haug (Leitung Provenienzforschung & Sammlungsgeschichte an der Hamburger Kunsthalle) in Zusammenarbeit mit Dr. Nadine Bauer (Wissenschaftliche Projektmitarbeiterin) sowie mit Beteiligung von Dr. Ulrike Sass und Marlene Knut, unterstützt durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste.

 

Gefördert von

Logo Deutsches Zentrum Kulturgutverluste

Pressemeldung Provenienzforschungsprojekt Skulpturen Tilmanns

Größe: 198.72 KB Format: pdf
Pressesprecherin & Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Mira Forte
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